Die Vorstellung der Welt, des Lebens als Bühne ist ein universelles Bild menschlicher Erfahrung: ein Ort, an dem Rollen eingenommen, Identitäten entworfen und Beziehungen sichtbar werden. Zwischen Inszenierung und Wirklichkeit entstehen Situationen voller Spannung, Übergänge zwischen Sichtbarkeit und Verborgenheit, Momente des Innehaltens und der Verwandlung. Figuren erscheinen in fragiler Balance, Licht und Komposition lenken die Wahrnehmung, Gesten tragen Bedeutungen in sich, die über das unmittelbar Sichtbare hinausweisen. Entscheidend ist dabei nicht nur das Geschehen selbst, sondern der Blick, der es wahrnimmt und ihm Bedeutung verleiht.
An dieser Schnittstelle von Bild, Atmosphäre und Wahrnehmung arbeiten Jimmy Vuong und Lee Chung-Li, alias Lilidelacrows. Ihre Werke begreifen das Theatralische nicht als bloße Inszenierung, sondern als grundlegenden Zustand menschlicher Erfahrung. Die Ausstellung fragt danach, wie Identität entsteht, wie Wirklichkeit durch Begegnung und Beobachtung geformt wird und wie sich das Leben selbst in ein vielschichtiges Zusammenspiel aus Präsenz, Projektion und Erinnerung verwandelt.
Jimmy Vuong (*1995 in München) schließt derzeit sein Diplom an der Akademie der Bildenden Künste München in der Klasse von Prof. Dr. Schirin Kretschmann ab und ist Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. Ausschließlich in Öl auf Leinwand arbeitend, entwickelt Vuong dicht geschichtete Bildräume, die sich einer eindeutigen Auflösung konsequent verweigern. Seine Kompositionen bevölkern Figuren, Tiere und Pflanzen in Momenten psychologischer Verdichtung – ritualhafter Handlungen, stiller Katastrophen oder unaufgelöster Spannung. Formal greift Vuong auf ornamentale und symbolische Bildtraditionen zurück und unterläuft dabei zugleich die illusionistische Tiefenräumlichkeit, sodass eine Bildbühne entsteht, die archaisch und hochaktuell zugleich erscheint.
Was die Arbeiten von Jimmy Vuong besonders macht, ist das Spannungsverhältnis zwischen dem, was sichtbar ist, und dem, was unausgesprochen bleibt. Seine Bilder zeigen oft den Moment kurz vor einer möglichen Veränderung – einen Augenblick der Spannung, in dem etwas kippen könnte, ohne dass klar wird, was als Nächstes geschieht. Das Alltägliche wird dabei zur Bühne, und die Betrachtenden werden zu stillen Zeugen einer Szene, deren Ausgang offen bleibt. Auch die Titel seiner Werke – etwa WENN DORNEN BLÜHEN WOLLEN, CUTTING THE TIES OF ALL THE LOVED ONES oder UM DEN LETZTEN TANZ BITTEN – erklären die Bilder nicht eindeutig. Stattdessen öffnen sie emotionale und persönliche Assoziationsräume, ohne eine feste Geschichte vorzugeben. Themen wie Liebe, Verlust, Sehnsucht und Vergänglichkeit behandelt Vuong mit großer Zurückhaltung. Gerade diese Offenheit schafft Raum für eigene Erinnerungen und Gefühle.Das Theatralische in seinen Arbeiten entsteht dabei nicht durch dramatische Effekte, sondern durch eine besondere Aufmerksamkeit für Stimmung, Körpersprache und Inszenierung. Seine Bilder zeigen das Leben als etwas Fragiles und zugleich Intensives – als eine Abfolge von Rollen, Begegnungen und Momenten, in denen Nähe und Unsicherheit oft gleichzeitig existieren.
Lee Chung-Li (*1984 in Taipeh), der unter dem Pseudonym Lilidelacrows arbeitet, ist Maler, Musiker und ehemaliger Musikvideodirektor sowie Leadsänger der Band Faint Crow. Er studierte Medien- und Kommunikationsdesign an der Shih Chien University in Taipeh. 2024 gab er sein Debüt mit einer ersten Einzelausstellung in Tokio, der weitere erfolgreiche Ausstellungen in der Tartch Gallery in Taiwan folgten. Mit der vorliegenden Gruppenausstellung freuen wir uns sehr, seine Arbeiten nun erstmals einem deutschen Publikum vorstellen zu dürfen.
Seine künstlerische Praxis war von Beginn an intermedial angelegt. Die Bildsprache, die er als Lilidelacrows entwickelt hat, täuscht beim ersten Blick über ihre eigentliche Komplexität hinweg: Was mit kindlicher Linienführung und intensiver Farbigkeit beginnt, erweist sich bei näherer Betrachtung als ein von dunklem Humor und lakonischer Melancholie durchdrungenes Werk. Hinter der scheinbaren Leichtigkeit liegt eine analysierende Distanz, die nicht klagt, sondern präzise beobachtet. Lilidelacrows findet seine Bühne im Vertrauten: in dem Park seiner Kindheit, in beiläufigen Ritualen des Alltags und in den kleinen, oft übersehenen Momenten des Umherstreifens. Seine Arbeiten richten den Blick auf Situationen, die unscheinbar wirken und gerade dadurch etwas Allgemeingültiges erzählen. Mit feinem Gespür beobachtet er menschliche Eigenheiten, stille Absurditäten und jene kurzen Augenblicke, in denen Nähe, Melancholie und Humor gleichzeitig spürbar werden.
Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Randfiguren familiärer Geschichten. In der Werkreihe The Lonely Uncle rückt er eine Figur in den Mittelpunkt, die vielen vertraut erscheint und dennoch selten Beachtung findet: den Onkel, der an Feiertagen allein auftaucht, eine selbstgeschnitzte Holzfigur oder eine italienische Wurst mitbringt und dabei immer ein wenig außerhalb der familiären Dynamik zu stehen scheint. Gerade in ihrer Unscheinbarkeit wird diese Figur zu einem unerwartet berührenden Protagonisten.
Werktitel wie The First Lonely Uncle, Haven’t Been Invited to a Lion’s Club Yet oder Learning Magic After Work erzählen dabei keine tragischen Geschichten. Vielmehr sind sie von einer zärtlichen Ironie getragen, die nie spöttisch wirkt. Der Humor in diesen Bildern schafft keine Distanz, sondern Nähe – man lächelt über diese Figuren und spürt zugleich, dass ihre Abwesenheit eine Lücke hinterlassen würde.
Wir möchten uns herzlich bei der TARTCH GALLERY Taipei / Taiwan für die angenehme und bereichernde Zusammenarbeit bedanken, die diese Ausstellung erst möglich gemacht hat.