POINT OF VIEW - Frank Bauer | Rómulo Celdrán | Teresa Riba | Kai-Uwe Schulte-Bunert

POINT OF VIEW - Frank Bauer | Rómulo CeldránTeresa RibaKai-Uwe Schulte-Bunert

Vernissage:
Freitag, 04. Mai 2018 um 18:00 Uhr
Ausstellung:
Sa. 05. Mai 2018 bis Fr. 15. Jun 2018
Ausstellungsort:
Wilhelm-Riehl-Str. 13 | 80687 München Eingang und Parkplätze im Innenhof

Die Frage nach der Darstellbarkeit und Wiedergabe der sichtbaren Wirklichkeit treibt seit Jahrhunderten die Menschheit und vor allem Künstler um. Auch Frank Bauer, Rómulo Celdrán, Teresa Riba und Kai-Uwe Schulte-Bunert gehen dieser Frage in unserer Gruppenausstellung „Point of View“ nach. In der Renaissance würde man hierbei vielleicht von einem Paragone (lat. Vergleich), dem sog. Wettstreit der Künste, sprechen, bei dem es um die Rangfolge der Kunst ging, wobei insbesondere Malerei und Bildhauerei in den direkten Wettstreit traten. Jedoch wurde vor allem mit der Erfindung der Fotografie die Maßstäbe und Möglichkeiten für die Darstellbarkeit der Wirklichkeit verändert. Zudem überschneiden sich in der zeitgenössischen Kunst die Gattungsgrenzen viel mehr und werden aufgeweicht, so dass der Begriff des klassischen Paragone obsolet erscheint und neu überdacht werden muss.  Dennoch führt heute noch die Frage nach den Möglichkeiten künstlerischer Darstellungsmodi der Realität zu bedeutenden und wichtigen Einsichten und dabei greifen verschiedene Genres auch in einander über und übernehmen Ideen bzw. Techniken und Prinzipien anderer Kunstformen.

So sind bei Frank Bauer seine Fotografien die Basis seiner Gemälde und bilden sein Sujet und sind Ausgangspunkt für seine Gemälde. Ihn interessieren vor allem Momentaufnahmen des Alltäglichen und Situationsaufnahmen mit und ohne Menschen.  Dabei geht es Frank Bauer nicht um das Festhalten eines perfekten Moments und um die technisch perfekt ausgeführte Fotografie, sondern seine Stillleben faszinieren vor allem durch die ernsthafte Darstellung des Alltäglichen, der Wirklichkeit, die ihn und auch andere in diesem Moment umgibt und die er festhält. Dabei strahlen seine Bilder oftmals etwas Verlassenes, Entrücktes und auch leicht Melancholisches aus. Bauer ist Zeitzeuge seiner Welt und dadurch, dass er seine Fotos, die er auch immer selbst fotografiert, abmalt, gibt er ihnen und dem scheinbar flüchtigen alltäglichen Moment Bedeutung. Und auch wenn seine Bilder viel mit Fotorealismus gemeinsam haben, sind sie dennoch eine Abstraktion des Realen, da sie die Wahrnehmung auf das Sichtbare reduzieren. Bauer selbst betont dabei immer wieder „das inspirative Potential der Fotografien, besonders wenn diese unscharf, unterbelichtet oder fehlentwickelt sind. Bisweilen sprengen solche Fotografien den Rahmen des Malbaren und führen zu der überraschenden Erkenntnis, dass nicht alle sichtbaren Farben einer Fotografie mit Ölfarben mischbar oder abbildbar sind.“ (Auszug aus dem Rheinischen Art – Kulturmagazin online) 

Rómulo Celdrán denkt, lebt und atmet Kunst. Auch er setzt sich am liebsten mit Objekten aus dem Alltag auseinander und sondiert sie auf emotionaler, ästhetischer, plastischer oder funktionaler Ebene. Bei ZOOM (zweidimensional) und MACRO (dreidimensional) schafft er aus Wäscheklammern, Wärmflasche oder Eierschalen Bilder und Skulpturen in perfektionistischer Detailtreue – und überraschenden Ausmaßen: Seine Wärmflasche liegt im XXXL Format aus. Diese Dimension fordert den Betrachter zu einer ungewöhnlichen Wahrnehmung auf, zur Entdeckung von versteckten Ecken und Winkeln. Er wird zum Zwerg, der durch eine immer größer werdende Welt geht und dabei plötzlich nutzlos gewordenen Objekten begegnet. Bei seiner neuesten Werkreihe „Hi-RES“ ging er noch einen Schritt weiter und hat sich gefragt, mit welchen Mitteln seine Skulpturen und Bilder die sichtbare Wirklichkeit weiter erforschen können. Bisher dient primär die Fotografie als Vermittler der Realität, nur noch wenige Künstler malen nach der reinen Natur. Aber was kommt nach der Fotografie? Für Celdran ist es die Technik der 3D Drucke und 3D Modelle, die für ihn als neue revolutionäre Vermittler und Vorlage der Realität dienen können – sie zeigen uns eine hyper-reale, konstruierte und gescannte Realität. Celdran ist fasziniert von dieser virtuellen 3D Welt, ihrer Fähigkeit zur Analyse und Plastizität, und in seiner neuen Werkreihe „Hi-RES“ nutzt er diese als gültige Vorlage für seine bildnerischen wie skulpturalen Werken und hebt dadurch ihre visuellen Qualtäten neben ihren offenkundig technischen Funktionalitäten hervor. Seine Objekte sind zum einen hyper-real, aber andere offenbaren künstlerisch auch den technischen und digitalen Prozess und die Konstruktion der 3D Bildbearbeitung.
Celdrán stellt damit die menschliche Realität in Frage. Und bietet durch seine Arbeiten neue Sichtweisen und Antworten auf die seit Jahrtausenden gestellte Frage nach realer Existenz. Durch Entdeckung, Überraschung und mit einer Spur Ironie. So wird große Kunst plötzlich ganz leicht.

Der Fotograf Kai-Uwe Schulte-Bunerthat sich mit seiner neuen Werkserie „Paragone I + II“ zum ersten Mal mit reinen Objekten beschäftigt, den Obst– und Blumenmodellen von Brendel, Arnoldi und anderen. Vor ca. 150 Jahren waren diese Modelle als Lehrmittel gedacht und üben bis heute eine Faszination aus, die nicht nur auf der Nähe zum natürlichen Vorbild, sondern vor allem auf der Ästhetik der Gegenstände selbst und ihrer handwerklichen Perfektion, beruht. Sie gehören selbst zu beliebten und gesuchten Sammlerobjekten.
Bei der fotografischen Arbeit mit diesen Modellen spielt Schulte-Bunert mit der Irritation, die dem Thema des Modells an sich inne liegt: das Schwanken zwischen der Illusion des Realen und der Auflösung, dass es sich doch „nur“ um Modelle handelt. Durch das Spiel von Farben, Licht und Tiefe versucht er, die Objekte in einen Zauber zu hüllen, der eigentlich nur dem Realen, dem Lebendigen anhaftet. Genau dieses Spannungsfeld möchte er unterstreichen und mit der kurzen Verwirrung die Distanz hinterfragen, in die sich der Mensch durch das Begreifen, Abheben und letztlich das Abbilden der Natur zur selben gebracht hat. „Paragone“, der Name beider Werkreihen, leitet sich von dem Streit der italienischen Renaissance ab, in welchem sich die unterschiedlichen Künste, hauptsächlich aber die Malerei und Bildhauerei darum stritten, welcher Kunstform das Primat zustünde. Schulte-Bunert fügt den botanischen Modellen, welchen das Malerische und Skulpturale ohne Frage immanent ist, durch die fotografische Interpretation noch eine weitere Kunst hinzu.
 
Die spanische Künstlerin Teresa Ribaarbeitet primär in Bronze. Mit den Möglichkeiten dieses Materials gelingt es ihr, ihren Skulpturen eine außergewöhnliche Ausdrucksfähigkeit zu verleihen. Die Vitalität und Bewegung der Skulpturen entsteht durch die unregelmäßige Oberflächenstruktur und die Patina des Materials. Zudem bemalt sie Teile der Figuren und verleiht ihnen dadurch noch mehr individuellen Ausdruck. Ihre neue Werkreihe hat sie den Titel „Tornem-hi“ gegeben, das übersetzt so viel wie „Auf geht’s“ bedeutet. Es ist vor allem die Darstellung der Haltungen, Mimiken und Gesten sowie Gedanken von Teenagern und Kindern, die Riba interessieren. In dieser neuen Werkreihe möchte sie einen speziellen Moment im Leben dieser jungen Menschen festhalten, in dem diese gerade dabei sind eine wichtige Entscheidung zu treffen, aber sie sich nicht ganz sicher sind und zögern, ob sie einen Schritt vorwärtsgehen oder doch stehen bleiben oder sogar zurückgehen. 

Diese vier außergewöhnlichen künstlerischen Positionen offenbaren, dass bei der zeitgenössischen Kunst oftmals verschiedene Kunstformen und Gattungen ineinanderfließen und sich die Künstler verschiedener medialer Techniken zu Nutze machen, um die Realität abzubilden. Wie man an der Deutung der Kunst der ausgestellten Künstler erkennen kann, ist der „Realismus“ oder die „Darstellung der Wirklichkeit“ kein Stil mit einem bestimmten Kanon an Vorstellungen, die erfüllt werden müssen, sondern jeder Künstler nähert sich der Wirklichkeit an, wie er sie sieht und interpretiert, und bringt sie mit ästhetischen Mitteln auf Leinwand oder Papier, formt sie zu einem Objekt oder setzt sie fotografisch in Szene. Sie alle nehmen ihre künstlerische Haltung zur Welt an, nur mit ihrer Sicht der Dinge.